Case Management in der Betreuung – Projektstudienarbeit

Alice Mohabel-Bechtel, rechtliche Betreuerin, hier ganz entspannt in Berlin an der East Side Gallery

Alice Mohapel-Bechtel ist seit 2012 Berufsbetreuerin. Um sich noch tiefer und professioneller mit verschiedenen Facetten von Betreuung zu beschäftigen, hat sie neben ihrer Arbeit zusätzlich ein Studium in „Betreuung & Vormundschaft“ an der Steinbeis-Hochschule Berlin absolviert und vor kurzem sehr erfolgreich mit einem Bachelortitel abgeschlossen. Die Akademie für öffentliche Verwaltung und Recht (AOEV) gratuliert Frau Mohapel-Bechtel ganz herzlich. Damit sich auch andere Studierende oder Interessenten ein Bild vom Bachelorstudiengang „Betreuung & Vormundschaft“ an unserer Akademie machen können, haben wir Frau Mohapel-Bechtel ein paar Fragen gestellt und sie gebeten, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen mit uns zu teilen.

1. Liebe Frau Mohapel-Bechtel, im Oktober 2018 haben Sie Ihre Bachelorarbeit abgegeben. Wie ist es Ihnen seitdem ergangen?

Ich bin sehr froh, dieses Studium angefangen und stolz es beendet zu haben. Natürlich war ich anfangs unsicher, ob ich dieses große Paket neben meiner regulären Arbeit noch stemmen kann und ob ich das Zeug zur wissenschaftlichen Arbeit habe. Dazu kamen die langen Zugfahrten von Ludwigshafen nach Berlin und Abwesenheitszeiten im Büro, die nicht immer leicht aufzufangen waren. Doch ich habe mir das Ziel gesetzt, das Studium zu schaffen und nicht aufgegeben, selbst wenn es phasenweise (besonders vor Klausuren oder bei den Transferarbeiten) enorm hart für mich war.

Durch diese Entscheidung und den Erfolg im Studium bin ich persönlich enorm gewachsen. Ich habe mich in den jeweiligen Modulen mit vielen neuen und spannenden Fragestellungen weit über die Betreuungsarbeit hinaus beschäftigen dürfen, nette Mitstudierende kennengelernt und Potential an mir entdeckt, von dem ich selbst nicht wusste, dass ich es habe. Das ist unbezahlbar, daraus ziehe ich ganz viel Energie und Selbstbewusstsein.

2. Das Studium an der Akademie für öffentliche Verwaltung und Recht ist sehr praxisrelevant angelegt. Ein Zeichen dieser Ausrichtung ist die Projektstudienarbeit, die Sie während Ihres Studiums verfasst haben und die einen direkten Bezug zu Ihrer sonstigen Tätigkeit herstellt. Worum ging es konkret bei Ihnen?

Mein Thema war die Anwendung der Case Management-Methode in der rechtlichen Betreuung. In der Projektarbeit interessierte mich besonders die Bekanntheit und die Umsetzung des Konzepts im Berufsalltag rechtlicher Betreuer. Mir war in Gesprächen mit Kollegen immer wieder aufgefallen, dass viele Betreuer das ganzheitliche Beratungs- und Unterstützungskonzept „Case Management“ entweder gar nicht kennen oder nicht für sich nutzen, obwohl sie es kennen. Es hat mich sehr gereizt, diese Wahrnehmung zu hinterfragen und wissenschaftlich abzubilden. In erster Linie habe ich selbst nach Ansatzpunkten gesucht, die meine eigene Betreuungsarbeit methodisch zu komplettieren und mich selbst in meiner Arbeitsweise als Betreuerin zu verbessern und zu entwickeln.

3. Wer hat Sie auf das Thema gebracht? Und wie sind Sie vorgegangen?

Nach der Entscheidung für die Aufnahme des Studiums folgte in logischer Konsequenz die Entscheidung für ein Thema, das inhaltlich ausreichend Potential für alle anstehenden wissenschaftlichen Arbeiten aufweist und sich wie ein roter Faden durch das gesamte Studium ziehen und aufeinander aufbauen sollte. Sicher weiß man im Vorfeld noch nicht ganz genau, welche Schwerpunkte man setzen oder was man genau untersuchen will, doch hier gilt das Prinzip: „Der Weg ist das Ziel!“
Das Thema Case Management hat mich vom Beginn des Studiums an beschäftigt. Schließlich reflektiere ich meine Arbeit regelmäßig und versuche, mich und meine Vorgehensweise immer weiter zu professionalisieren.

Wenn man bedenkt, dass ein rechtlich tätiger Betreuer ein kalkuliertes Zeitbudget von durchschnittlich 3,2 Stunden pro Betreuungsfall im Monat hat, dann kommt man schnell zu dem Schluss, dass diese knappe Zeit möglichst effizient gestaltet werden sollte. Vor dem Hintergrund meines eigenen hohen Anspruchs einer qualitätsvollen Betreuungsarbeit suche ich daher nach Methoden, die mir helfen, planvoll und ökonomisch vorzugehen.

Bis zum Konzipieren meiner Projektstudienarbeit habe ich viel und vertiefend zum ganzheitlichen Beratungs- und Unterstützungskonzept „Case Management“ gelesen und mich der Materie theoretisch genähert. Dafür habe ich mir Literatur von allen namenhaften Autoren und Wissenschaftlern besorgt, die zu dem Thema geschrieben und Thesen aufgestellt haben.

Danach habe ich meine persönliche Zielsetzung entwickelt und die weitere Ausrichtung der Arbeit aufgrund dieser vorgenommen. Dazu zählte die Definition von drei Hypothesen, die ich dann im empirischen Teil mithilfe eines Fragebogens bewerten ließ. An meiner Befragung haben insgesamt 72 rechtlich tätige Betreuer teilgenommen; das fand ich schon toll, dass mich so viele Kollegen unterstützt haben.

4. Gibt es ein Ergebnis, das Sie konkret in Ihren Arbeitsalltag einbringen können?

Besonders stolz bin ich auf meine Ausführungen zur Fragestellung „Intuition bei der Betreuungsarbeit“ – damit meine ich intuitives Handeln und Entscheiden als nicht bewusstes Vorgehen, welches sich schwer begründen lässt. Es basiert nicht auf einer planvollen Gestaltung der Betreuungsprozesse, sondern geht sogar mit einer verminderten Genauigkeit einher.

In der Fachliteratur geht die Tendenz dahin, Intuition in der Betreuung abzuwerten – man scheint sich einig zu sein, dass Methode und Planbarkeit der Abläufe zwangsläufig zu mehr Erfolg führen. Ich sehe darin jedoch eine große Chance als Ergänzung zum Case Management-Ansatz. Besonders in hoch komplexen Entscheidungssituationen, wenn aus zeitlichen Gründen nicht alle Fakten berücksichtigt werden können, wenn Informationen fehlen oder widersprüchliche Daten vorliegen, z.B. in Krisen oder Verhandlungen, zahlt sich die Beachtung von Intuition aus.

Denn gerade intuitive Methoden fördern Gedankenassoziationen und sind in der Lage, in kurzer Zeit viele neue Ideen zu liefern. Es ist mir wichtig, zu betonen, dass diese intuitive Aktivierung von Potential Betreuern offensichtlich dabei verhelfen kann, eingefahrene Denk- und Handlungsweisen zu verlassen, um offen für schnelle, spontane und unbürokratische Lösungen zu sein, um in herausfordernden Problemsituationen mit kreativen Beiträgen zur Zielerreichung beizutragen. Dazu kommt, dass intuitive Menschen in Möglichkeiten und Szenarien denken, indem sie Chancen und Risiken abwägen, flexibel sind und Handlungsspielräume für die Zukunft offen lassen sowie Mut zu Fehlentscheidungen zeigen.

5. Welchen Tipp geben Sie anderen Studierenden beim Schreiben der Arbeit? Wie sollte man sich organisieren?

Die Studierenden sollten sich zuallererst nicht von der allzu großen vor einem liegenden Aufgabe blockieren oder beeindrucken lassen, sondern einfach frühzeitig mit dem ersten kleinen Schritt beginnen und direkt mit weiteren kleinen Schritten weitermachen. Ideen aufschreiben, gedanklich beim Thema bleiben und einfach „anfangen“.

Es geht natürlich nichts über eine realistische Organisation und Zeitplanung. Ich kann nur jedem raten, frühzeitig anzufangen, um dann gegen Ende nicht völlig in Panik auszubrechen. Es ist allerdings auch völlig normal, dass es hektischer wird, je näher der Abgabezeitpunkt der Arbeit rückt. Im Idealfall hat man schon früh seine eigenen Ziele für die Arbeit vor Augen hat und sich somit richtig fokussiert.

Vielen Dank für die spannenden Einblicke und alles Gute für Ihre Zukunft!